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Morgenstund’ hat Wildnis im Mund

Mehr als nur ein alternatives Frühstück
Berlin, Dienstagmorgen um 7:30 Uhr: Im Schlosspark Charlottenburg ist soeben die Sonne aufgegangen, der herbstliche Nebel verhüllt Schloss und Natur. Während sich im Sommer noch Radfahrer und Jogger auf den Parkwegen tummelten, verirren sich jetzt im Spätherbst nur noch wenige Frühaufsteher in den kalten Morgen. Wer jedoch am Belvedere, einem kleinen Rokoko-Pavillon, innehält, wird dienstags und donnerstags um halb acht am Morgen eine kleine höchst sonderliche Gruppe beobachten können. Sie pflücken und verspeisen ungewaschene Kräuter von der Wiese, essen Blätter von den Bäumen und scheuen sogar vor „giftigen“ Eibenfrüchten nicht zurück. Todesmutige Ökos? Verzweifelte Hartz IV’ler? Eine Unkräuter-Sekte?

Die Lösung ist ganz einfach: Es ist das Wildkräuterfrühstück, welches im Mai 2011 von Mark Weiland ins Leben gerufen wurde. Anderthalb Jahre besuchte er die Wildkräuterwanderungen von Heidemarie Fritzsche in Berlin-Buch und lernte dabei eine Menge Wildpflanzen und Wildfrüchte kennen. Doch nur einmal im Monat, das war ihm zu wenig “Urkost” (=die Wildkräuter zusammen mit Obst essen). Und so suchte er in seiner direkten Umgebung nach der Möglichkeit, sich von Wildpflanzen zu ernähren, von jener Kost, die ein so reichhaltiges Potential an Sättigung, Nahrung und Heilung hat wie keine andere. Als er auf seiner Suche nach den geeigneten „Weidegründen“ im Schlosspark Charlottenburg auf üppige Brennnessel- und Wunderlauchfelder stieß, war die Idee eines Wildkräuterfrühstücks geboren. Zunächst traf er sich nach Absprache mit einem Freund zum „Äsen“ im Park, dann erzählte er anderen davon, und so wurden es immer mehr, die dieses Urkostfrühstück als Alternative zum gewohnten Gang zum Bäcker vor der Arbeit wahrnahmen. Zu dem Sinn des Wildkräuterfrühstücks sagt Mark Weiland: „Es ist keine Wildkräuterwanderung, auf der man 30-40 Pflanzen kennenlernt, sowie dessen Gehalt an Vitamin C und Eisen erfährt, oder die beste Möglichkeit, sie in Tees und Suppen kaputt zu kochen. Das Wildkräuterfrühstück ist nichts weiter als eine praktische Übung, die Urkost in den urbanen Alltag zu integrieren.“ Und das geht so: Man nehme sich etwas Obst mit – reif und bio versteht sich – schwingt sich auf das Rad oder steigt ins Auto, in die U- oder S-Bahn, und kommt um 7:30 Uhr zum Treffpunkt am Belvedere, ohne Voranmeldung. Mark Weiland ist in seiner typischen Weise beharrlich und daher immer vor Ort, verschlafen hat er bislang noch nie. Noch nie? Nicht ganz, aber nur zwei Mal in einem Jahr. ;-)
Es wird nur gegessen, was nicht giftig ist und ein paar Erklärungen und Tipps gibt es auch: z. B. der Verzehr der Brennnessel ohne sich zu verbrennen. Aber es geht vor allem darum, mit naturfreundlichen Menschen gemeinsam „ins Gras zu beißen“.
Ab und an spricht ein verdutzter Beobachter die Wildkräuterfrühstücker an und lässt sich zuweilen dazu inspirieren, von dem gesunden Grün zu probieren. So wandelt sich bei dem einen oder anderen Hobbygärtner, der zufällig vorbeikommt und erstaunte Fragen stellt, das “Feindbild Giersch und Vogelmiere” zum „Freundbild“. Doch es gibt auch Warnungen von außen, dass man doch die Eiben nicht essen dürfe, weil sie doch giftig sind. Da tut Aufklärung Not, und so erklärt Mark, dass es zwar richtig sei, was man über die Eiben sagt, doch wenn man den Kern unzerkaut wieder ausspuckt, sich auch nicht an Eibenblättern oder Eibenrinde vergeht, wird man für dieses „Geheimwissen“ mit dem köstlichen Fruchtfleisch der Eiben belohnt. Fuchs- und Hundebandwurm lassen Mark völlig kalt, denn für dessen gesundheitsschädliche Wirkung fehlen ihm die wissenschaftlichen Beweise. Und die Hinterlassenschaften der Hunde werden vom Regen weggespült oder „verwachsen“ sich. Gesundheit kann so einfach sein, wenn man lernt, keine Angst mehr vor der Natur zu haben.
Das Wildkräuterfrühstück ist aber mehr nur als ein alternatives Frühstück. Wer regelmäßig kommt, lernt die Pflanzen besser kennen, erlebt den Wechsel der Jahreszeiten, das ewige Stirb und Werde in der Natur. Auch der behutsame, respektvolle Umgang mit den Pflanzen spielt dabei eine wesentliche Rolle. Mark sieht „in den Pflanzen keine bloßen Behältnisse von biochemischen Nährstoffen, sondern Lebewesen und Persönlichkeiten, die es uns sogar mit einem üppigeren Wuchs an Blättern und Stengeln danken, wenn wir nur einige Blätter essen, statt sie mit Stumpf, Stiel und Wurzel auszureißen.“ Wer ein Wildkräuterfrühstück miterlebt, erhält mit jedem Biss ein Stück Naturverbundenheit zurück. Denn Naturverbundenheit gibt’s nicht im Bioladen, wohl aber in der Natur selbst.

Design: Mark Weiland | Umsetzung: Mathäus Przybylski | ©2012 by Mark Weiland